Bäcker-Innung BerlinAkademie Deutsches Bäckerhandwerk Berlin-BrandenburgLandesverband Berlin und Brandenburg e.V.Bärlino

Die Historie der Berliner Fachschulen

Mit der Einführung der Gewerbefreiheit und der darauf beruhenden Gewerbeordnung des Jahres 1869 galten die Innungen nur noch als gewerbliche Vereine mit bestimmten fakultativen Aufgaben. In Folge dieser Beschränkung wäre eine gedeihliche Entwicklung des Innungs-wesens ausgeschlossen gewesen, wenn nicht eine energische Agitation des Handwerks und die bei der Regierung allmählich zum Durchbruch gekommene Anschauung, dass die neuen Gesetzesbestimmungen unzureichend seien, Veranlassung gegeben hätten, eine neue Rege-lung herbeizuführen.

Auf die von Hamburg im Jahr 1874 ausgegangene Anregung, sogenannte gemeinschaftliche Verbände einzurichten, d.h. Verbände von Meistern und Gesellen, in denen Letztere als gleichberechtigte Faktoren am Innungsleben teilnehmen sollten, wurde der Bundesrat Mitte der 70er Jahre veranlasst, eine Enquete zu veranstalten. Diese Erhebungen fielen jedoch sehr ungünstig aus, da die Mehrzahl weder der Meister noch der Gesellen von derartigen gemeinschaftlichen Ver-bänden etwas wissen wollten.

In den 1880er Jahren fanden wiederholt Änderungen der Gewerbeordnung statt, deren Zweck es war, das mit Einführung der Gewerbefreiheit nur noch auf fakultativer Grundlage beruhende Innungswesen wieder aufleben zu lassen.Es wurde den Innungen der Charakter öffentlich-rechtlicher Kor-porationen verliehen, denen mit Genehmigung der höheren Staats-behörden folgende Aufgaben überwiesen werden konnten:

  1. Allgemeine Regelungen des Lehrlingswesens auch für die Lehrlinge, die nicht bei Innungsmeistern beschäftigt waren,
  2. Regelung der Streitigkeiten über Lehrlingsverhältnisse,
  3. Heranziehung auch der Nicht-Innungsmeister zu gewissen Kosten der Innung, wie für das Herbergswesen und die Schiedsgerichte, sowie für Einrichtungen zur gewerblichen und technischen Ausbildung der Gesellen und Lehrlinge.

Seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts verbreitete sich bei den staatlichen und kommunalen Aufsichtsbehörden in Preußen immer mehr die Überzeugung, daß die Förderung des gewerblichen Bildungswesens als ein Hauptmittel wirklicher Hebung und Förderung des Kleingewerbes zu betrachten sei. Als geeignetes Mittel zur Erreichung dieses Zieles wurde der Ausbau des Fortbildungsschulwesens betrachtet, wobei neben den traditionellen Kursen zur Förderung der elementaren Kultur­techniken vor allem verstärkt die Unterrichtsfächer Zeichnen, Modellieren, Mathe­matik, Physik und Mechanik angeboten werden sollten. Daneben wurde vom Magistrat die Einrichtung von Fachschulen durch die Innungen selbst gefördert, sei es in enger Zusammenarbeit mit der Gewerbe­deputation, wofür es finanzielle Zuschüsse gab, sei es von den Innungen allein, wofür zumindest Unterrichtsräume unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurden.

Die Überlegungen und Maßnahmen zur Verbesserung der gewerblichen Ausbildung fanden ihren Niederschlag in der 1881 erlassenen Abänderung der Gewerbeordnung von 1869, die den Innungen, nun auf gesetzlicher Grundlage, das Recht zur Errichtung von Fachschulen zusprach. Wenn auch die Gewerbedeputation immer wieder betonte, wie gering doch die Leistungen der Innungen im Fortbildungs­schulwesen im Vergleich zu denen der Stadt Berlin seien, so zeigte sich der Berliner Magistrat doch sehr interessiert an von Innungen betriebenen Schulen, konnten hiermit doch gleichzeitig der Kontrollaufwand verringert und das Stadtsäckel entlastet werden, wenn sich die Schülerzahl der kommunalen Fort-bildungsschulen reduzierte. Insofern traf die widerspenstige „Freie Vereinigung“, aus der der Bäckerverband „Concordia“ hervorging, auf die Sympathien der Gewerbedeputation, als sie 1881 als eines ihrer wichtigsten Ziele die Einrichtung einer Fortbildungsschule für ihre Lehrlinge nannte, die nach diversen Ermahnungen der Aufsichts-behörde im Febru­ar 1884 ihren Betrieb aufnahm. Am 1. Juli 1884 folgte daraufhin auch die Eröffnung der Fortbildungsschule der (alten) Bäcker-Innung, weil sie der „Concordia“ nicht nachstehen wollte.

Beide Bäckerinnungen folgten wie mehrere andere Innungen hiermit dem Strom der Zeit und übernahmen keineswegs eine Vorreiterrolle im gewerblichen Ausbildungs­wesen Berlins. 1888 gab es in Berlin insgesamt zwölf Fachschulen, die vom Handwerk und der Stadt gemeinsam betrieben wurden sowie neun Fachschulen, für welche die Stadt nur die Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Trotz aller sonst in Gesellen- und Lehrlingsangelegenheiten gezeigten Sparsamkeit wählten die beiden Bäckerinnungen lieber das Modell der von den Innungen auf eigene Kosten unterhal­tenen Fachschule. Zum einen entsprachen Zeichenunterricht und Mathematik, beides Schwerpunkte im Curriculum der kommunalen Fortbildungsschulen, nicht unbe­dingt den Bedürfnissen des Bäckerhandwerks, zum anderen wollten sie einer Bevormundung der städtischen Aufsichtsbehörde entgehen. Beide Schulen boten zunächst aber keinen fachspezifischen Unterricht, sondern nur allgemeinen Fort­bildungsunterricht an.

Anfang 1885 nahmen etwa 60 Schüler am Fortbildungsunterricht der „Germania“ teil, was bei über 430 Lehrlingen keine allzu große Beteiligung darstellte. Etwas besser sah es an der „Concordia“-Fortbildungsschule aus, die Anfang 1885 von rd. 60 der knapp 150 Lehrlinge der Innung besucht wurde. In Anbetracht der unbefriedi­genden Teilnehmerzahlen ermahnte die Gewerbedeputation beide Innungen, für einen regen und regelmäßigen Unterrichtsbesuch ihrer Lehrlinge zu sorgen und versandte Informationsschreiben an alle Berliner Bäckermeister. Gerade bei der „Concordia“ sträubten sich etliche Meister, ihre Lehrlinge auf die von der Innung betriebene Fortbildungsschule zu schicken. Selbst Ende des Jahrhunderts besuchten nicht einmal 100 Lehrlinge der (alten) Bäcker-Innung die Fortbildungsschule. Seit Herbst 1900 waren die Meister auf Grund eines Beschlusses der Innungsversammlung, nachdem die Gewerbe-deputation im März 1900 den obligatorischen Besuch einer Fortbildungsschule während der Lehrzeit angeordnet hatte, verpflichtet, für die regelmäßige Teilnahme ihrer Lehrlin­ge am Unterricht der Innungsfortbildungsschule zu sorgen. Ausgenommen waren nur die Lehrlinge, welche die Sekunda absolviert hatten.

Die Fortbildungsschule war vorwiegend für diejenigen bestimmt, die auf der Gemeindeschule nicht genug gelernt hatten. Und dies waren nicht wenige. So ergab beispielsweise die Prüfung der beim Januarquartal 1884 einzuschreibenden Lehrlin­ge, daß 9 der 45 nur über eine äußerst mangelhafte Schulbildung verfügten. Hin und wieder kam es sogar noch vor, dass ein Lehranwärter mit drei Kreuzen seinen Lehrvertrag unterschreiben mußte. Angeblich handelte es sich dabei vor allem um von auswärts kommende Lehrlinge, deren Schulbildung weit unter der läge, die in den Berliner Gemeindeschulen vermittelt würde.

Lehrstoff an der Fortbildungsschule war neben Lesen, Schreiben, Orthographie und Grammatik auch das Verfassen von kleineren Aufsätzen und Geschäftssätzen. In Mathematik wurde außer den vier Grundrechenarten sowie Dezimal- und Bruch­rechnung für den künftigen Handwerker auch Gewinn- und Verlustrechnung, Zinsrechnung sowie Berechnung von Wertpapieren gelehrt. Der Schulbesuch war kostenlos, lediglich für Schreibmaterial, Bücher etc. mußten 5 Mark gezahlt wer­den.

Da allein die Kontrolle der regelmäßigen Unterrichtsteilnahme der Lehrlinge einen nicht unerheblichen Arbeitsaufwand erforderte und das städtische Fortbildungs­schulwesen in den folgenden Jahren verstärkt ausgebaut wurde, beschloss die Innung 1905 ohne allzu große Bedenken, ihre eigene Fortbildungsschule auslaufen zu lassen, und überwies die neu eingestellten Lehrlinge an die städtischen Schulen, so dass die Innungsfortbildungsschule im Herbst 1907 ihre Tore schließen konnte. Aus den Fortbildungsschulen heraus wurde bereits 1886 die erste Berliner Bäckerfachschule gegründet.

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